“Wir haben das Privileg Unterricht zu erhalten”

Frau Dr. Ute Helm beim Fachtag für die Arbeit mit älteren und alten Menschen in Leipzig

Hauptsache Gesundheit! So heißt es auf jedem Geburtstag in höherem Alter. Und wer wünscht sich nicht, mit guter körperlicher und geistiger Gesundheit alt zu werden. Doch die Realität ist eine andere: Nicht wenige von uns werden mit körperlichen Einschränkungen aufgrund von zunehmendem Alter und Krankheit leben. Kann man auch mit Krankheit zufrieden oder gar glücklich sein? Was hilft uns dabei, mit Einschränkungen umzugehen?

Beim gut besuchten Fachtag für die Arbeit mit älteren und alten Menschen am 7. März in Leipzig gab die Palliativmedizinerin aus dem St. Elisabeth Krankenhaus, Dr. Ute Helm, einen Einblick in die Lebens- und Gedankenwelt schwerstkranker und sterbender Menschen. In beeindruckender Weise machte sie deutlich, was wir von Menschen, die am Ende ihres Lebens stehen, lernen können. Was bewegt Menschen, die krank und am Ende ihres Lebens angekommen sind? Was hilft ihnen, mit ihrer Situation umzugehen und welche Themen treten in den Hintergrund?

In ihrem Vortrag stellte Ute Helm Menschen vor, die sie an ihrem Lebensende begleiten und behandeln durfte: Eine voll im Leben stehende 54-jährige Frau und Musikerin, die plötzlich an einem Hirntumor erkrankte. In den zwei Jahren ihrer Krankheit hat sie sich vom Leben verabschiedet. Sie hat ihre Noten sortiert, ihre Musikinstrumente weitergegeben, von allen Jahreszeiten bewusst Abschied genommen, sich von ihrem Haus getrennt und schlussendlich ins Hospiz gegangen. Sie hat sich bewusst von allem ferngehalten, was Ablenkung versprach. Die Konzentration auf das Wesentliche hat ihr geholfen, ihre Situation zu akzeptieren.

Eine andere Patientin hatte immer großen Wert auf ihr Äußeres gelegt, war immer elegant gekleidet und geschminkt. Der Verlust der eigenen Haare war eine große Herausforderung für sie. Doch eines Nachmittags berichtete sie stolz: „Ich bin ohne Perücke unterwegs gewesen, das hätte ich mir nie vorstellen können.“ Sie hatte den Wunsch nach Anerkennung ablegen und für eine Weile sie selbst sein können. Es war ihr egal, was andere über ihr Aussehen dachten. Das machte sie glücklich.

Was bei kranken Menschen zu Lebenszufriedenheit führt ist auch ein enger Kontakt zu Familie und Freunden und die Fähigkeit, Dinge zu akzeptieren, die man nicht ändern kann. Das Gefühl von Selbstwirksamkeit spielt ebenso eine zentrale Rolle: welche Medikamente und Behandlungen akzeptiere ich und welche lasse ich bewusst weg. Und Dankbarkeit: beeindruckend berichtete Frau Dr. Helm von einem hochbetagten Patienten, der noch Krieg und Flucht erlebt hatte und wie er sich seine Fähigkeit zur Dankbarkeit bis zum Lebensende erhalten konnte.

„Wir haben das Privileg, Unterricht zu erhalten“, ist Frau Dr. Helm überzeugt. Unterricht im Leben, das ja bekanntlich vorwärts gelebt, aber erst rückwärts verstanden wird. Auch im Angesicht von Krankheit und Tod können Menschen zufrieden, ja sogar glücklich sein und erkennen, was sie wirklich im Leben trägt. Bis zum Schluss.

Am Nachmittag fanden Workshops mit großer thematischer Vielfalt statt. Sowohl ehrenamtlich tätige Menschen aus dem Besuchsdienst oder der Seniorenarbeit aus Kirchgemeinden als auch Hauptamtliche aus der Seniorenarbeit und Altenhilfe konnten den Tag als Weiterbildungstag nutzen.

Der Fachtag für die Arbeit mit alten und älteren Menschen ist ein Angebot der Diakonie Leipzig und der Caritas Leipzig für haupt- und ehrenamtliche Mitarbeitende sowie alle am Thema interessierten Menschen. Er findet jährlich im März unter einem bestimmten Thema statt und wird von einer ökumenischen Arbeitsgruppe unter Leitung der Kirchenbezirkssozialarbeit organisiert und durchgeführt.