Sicherheit gewinnen für den letzten Schritt

Azubi-Camp bereitet Auszubildende auf die Abschlussprüfung vor

Hände desinfizieren, Einmalhandschuhe anziehen, dann einen kleinen Stich seitlich in den Finger setzen, einen Tropfen Blut herausdrücken und auf den Teststreifen geben – dann kurz warten, bis das Ergebnis da ist: „110 mg/dl (Milligramm pro Deziliter)“ gibt Josi bekannt. Auf die Frage, ob das im Normbereich ist, antwortet sie: „Ja, da die Testperson vor zwei Stunden gegessen hat. Nüchtern wäre es etwas zu hoch.“ Was sind die Normwerte für Blutzucker? Und was passiert, wenn diese deutlich zu hoch oder zu niedrig liegen? Wie reagierst du dann? Muss man immer Handschuhe anziehen? Margrit und Jenny wollen alles wissen. Sie nehmen im Azubi-Kabinett des Pflegeheims Matthias Claudius die Probe-Prüfung Behandlungspflege ab. Es ist zwar nur eine simulierte Prüfung, aber diese läuft ab wie die richtige Prüfung zur Pflegefachfrau und hat es ganz schön in sich. Blutzucker messen, Blutdruck bestimmen, Vitalzeichenkontrolle, Medikamentengabe u.v.m. Doch Josi lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Die meisten Fragen kann sie gut beantworten. Wenn sie unsicher ist, wird ihr schnell auf die Sprünge geholfen.

20 Azubis üben für den Ernstfall

Josi ist eine von 20 Teilnehmenden am Azubi Camp, das vom 30. März bis 1. April im Pflegeheim Matthias Claudius stattfand. Das Camp bereitet die Pflege-Azubis des 3. Lehrjahrs auf ihre Abschlussprüfungen vor. Zum zweiten Mal organisieren dies die Praxisanleiterinnen und –anleiter aus den einzelnen Pflegeheimen – in diesem Jahr erstmalig in Zusammenarbeit mit der Johanniter-Schule, an der die meisten Diakonie-Azubis den theoretischen Teil der Ausbildung absolvieren.

Der Hintergrund des Camps ist klar: Die Abschlussprüfung in der Pflege stellt für viele Auszubildende eine große Herausforderung dar. Umso wichtiger ist es, Sicherheit zu gewinnen – fachlich wie emotional. Genau hier setzt das Camp an. Ziel ist es, den Prüfungsablauf realitätsnah zu simulieren, typische Fehlerquellen aufzudecken und den Auszubildenden die Angst vor der Prüfung zu nehmen. Im Pflegeheim Matthias Claudius – das trotz laufendem Betrieb großzügig Räume zur Verfügung stellte – wurden dafür optimale Bedingungen geschaffen. Im Andachtsraum wurden für diesen Zweck zwei simulierte Bewohnerzimmer eingerichtet. Hier werden Grundpflege und Prophylaxe geprüft. An zwei Übungspuppen werden die praktischen Abläufe ganz genau demonstriert, geübt und kommentiert.

Fast wie bei der richtigen Prüfung

„Frau Klaus, ich gebe Ihnen jetzt den Waschlappen in die Hand, damit können Sie sich schon mal das Gesicht waschen“, sagt Anja zu einer Puppe, was etwas merkwürdig ist. Doch im Ernstfall soll man auch immer mit den zu pflegenden Personen sprechen. Zusätzlich muss in der Prüfung auch noch das eigene Tun kommentiert und begründet werden. Die Prüfer sitzen daneben und wollen wissen, was man tut und warum. Anja kommentiert: „Ich wasche jetzt den Oberkörper. Danach unterstütze ich Frau Klaus dabei, sich auf die Seite zu drehen, damit ich den Rücken waschen kann.“ Eine gute Stunde wird Anja auf diese Weise geprüft. In einem dritten Zimmer brütet eine Gruppe Azubis über Papieren. Sie sollen eine komplette Pflegeplanung sowie eine strukturierte Informationssammlung für „Frau Klaus“ erstellen. Da steht alles Wichtige drin, was man über Frau Klaus wissen muss. Alle Stationen orientierten sich eng an den tatsächlichen Prüfungsanforderungen. Die Prüfungen werden nicht nur geübt, sondern vollständig simuliert – inklusive Fachgesprächen und Bewertung. Die Lehrkräfte der Johanniter-Schule begleiten die Gruppen durch die einzelnen Stationen und übernehmen die Rolle von Prüferinnen und Prüfern. Für die Auszubildenden bedeutete das eine doppelte Chance: Sie können nicht nur ihr Wissen testen, sondern auch erleben, wie sich eine Prüfungssituation mit teilweise unbekannten Prüfenden anfühlt und so Berührungsängste abbauen. Die Ergebnisse der Simulationen werden dokumentiert und anschließend mit den Praxisanleitenden ausgewertet. So entsteht ein klarer Überblick darüber, wo individuelle Stärken liegen und an welchen Punkten noch gezielt gearbeitet werden sollte. Im Trainingscamp geht es nicht darum, perfekt zu sein, sondern sicherer zu werden. Fragen stellen ist ausdrücklich erwünscht. Mit Unsicherheiten wird offen umgegangen. Diese Lernkultur – geprägt von Vertrauen, Offenheit und gegenseitigem Respekt – ist ein entscheidender Faktor für den Erfolg des Formats.

Ich bin schon etwas ruhiger geworden.”

Für Anja war das Camp eine wertvolle Erfahrung: „Wir müssen in der Prüfung Grundpflege die ganze Zeit mit der Übungspuppe sprechen und erklären, was wir tun und warum. Das ist schon sehr gewöhnungsbedürftig. Ich bin froh, dass ich das jetzt schon mal gemacht habe. Man fällt eben auch schnell mal durch. Ein Fehler reicht. Ich habe in einem Prüfdurchgang vergessen, nach der Grundpflege das Bettgitter wieder hochzumachen –damit wäre ich im Ernstfall durchgefallen. Nach den „Prüfungen“ bekommen wir auch ein Feedback, was für eine Note das jetzt gewesen wäre. Das ist sehr hilfreich und gibt auch ein bisschen Sicherheit.“ Johannes hat ziemlichen Respekt vor der Prüfung und ist ziemlich aufgeregt: „Gut, dass wir das hier einmal richtig üben. Wir bekommen hier auch viel Feedback: welche Handlungen sitzen schon gut, wo gibt es noch Übungsbedarf, wo gibt es noch Wissenslücken?“ Josephine hat sehr von den drei Tagen profitiert: „Der erste Tag war schon sehr anstrengend. Wir mussten die komplette Pflegeplanung schreiben. Das war hart, aber es war auch gut, die genauen Vorgaben zu hören, wie die Prüfer das haben wollen. Die Fachgespräche haben mir dann auch mehr Sicherheit gegeben. Das Feedback war sehr positiv. Ich gehe immer noch mit einem mulmigen Gefühl in die Prüfung, aber ich bin schon etwas ruhiger geworden. Das Fachgespräch wäre eine Zwei gewesen. Das zu wissen, gibt mir ein gutes Gefühl.“ Besonders bemerkenswert: Auch außerhalb der eigenen Einrichtung sorgt das Format für Aufmerksamkeit. „Bei uns in der Berufsschule waren viele neidisch – so etwas macht sonst keiner“, ergänzt Josephine. Damit hat die Diakonie ein Alleinstellungsmerkmal unter allen Ausbildungseinrichtungen in Leipzig.

Ein Dankeschön an alle Beteiligten

Ein großes Dankeschön gilt unseren Praxisanleiterinnen und –anleitern, die mit sehr viel Engagement und Herzblut dieses Trainingscamp organisiert und durchgeführt haben. Das Azubi-Camp zeigt eindrucksvoll, wie moderne Ausbildung aussehen kann: praxisnah, individuell und unterstützend. Die Auszubildenden erleben nicht nur, was sie können – sondern auch, woran sie noch arbeiten müssen. Und vor allem: Sie gehen mit mehr Selbstvertrauen in die entscheidende Phase ihrer Ausbildung. Mit Blick auf die anstehenden Prüfungen zwischen Mai und Juli ist das ein entscheidender Vorteil. Denn wer die Situation schon einmal erlebt hat, geht anders hinein – ruhiger, strukturierter und sicherer. Das Azubi-Camp 2026 war mehr als nur ein Trainingsformat. Es war ein Raum zum Ausprobieren, Lernen und Wachsen. Ein Ort, an dem Unsicherheiten ausgesprochen werden durften und in Stärke verwandelt wurden. Oder, um es mit den Worten eines Teilnehmenden zu sagen: „Man merkt hier einfach: Wir werden wirklich vorbereitet.“ Und genau das ist der Anspruch, den wir als Diakonie an Ausbildung haben.