Kampagne UNERHÖRT!

 

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Zuhören statt verurteilen

Die Diakonie Deutschland wirbt mit dieser Kampagne für eine offene Gesellschaft: Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt, in der das Tempo steigt und Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht. Doch jede Lebensgeschichte hat ein Recht darauf, gehört zu werden.

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Die Kampagne, die von 2018 bis 2020 laufen soll, will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen, sie will zur Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe werden.

„Nur wer zuhört, kann ins Gespräch kommen und Antworten geben. Um die Verlassenen wieder in die Gesellschaft zu integrieren, müssen wir ihnen zuhören.”

Ulrich Lilie, Präsident der Diakonie Deutschland

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Sozialpolitisches Forum im Rahmen der Kampagne UNERHÖRT mit Diakonie-Präsident Ulrich Lilie

Am 16. August 2018 war Diakonie-Präsident zu Besuch im Pflegeheim der Diakonie Johann Hinrich Wichern. Der Besuch war Teil der Sommerreise 2018 des Diakonie-Präsidenten im Rahmen der Unerhört-Kampagne des Bundesverbandes der Diakonie. Diese zielt darauf ab, ungehörte Geschichten, Sichtweisen, Erfahrungen, Ängste zu Gehör zu bringen und im Zuhören Verständnis und auch gemeinsame Ideen zu entwickeln.

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Am Morgen besuchte Lilie zunächst eine 100jährige Bewohnerin des Pflegeheimes und kam mit ihr ins Gespräch. Dabei stellten sie fest, dass sie beide aus dem Rheinland stammen, die Bewohnerin aus Köln und Ulrich Lilie aus Düsseldorf. Maria Stephan erzählte, wie sie einst ihren Mann kennenlernte und was sie nach Leipzig verschlagen hat. Sie lobte die Pflege und Betreuung im Haus, bemerkte aber auch, dass das Pflegepersonal nicht genügend Zeit für‘s Zuhören oder gar für Gespräche hat.

Von 10:30 bis 11:30 fand im Andachtsraum der Einrichtung ein Podiumsgespräch zum Thema: Altersarmut und Vereinsamung im Alter, Pflegequalität sowie zu den aktuellen Herausforderungen beim Thema bezahlbarer Wohnraum statt. Gesprächsteilnehmer waren: Diakoniepräsident Ulrich Lilie, Matthias Müller-Findling (Leiter des Ökumenischen Wohnprojektes Quelle e.V.), Siegfried Schlegel (die Linke) Sprecher für Stadtentwicklung und Bau und Mitglied im Aufsichtsrat des LWG und AG Recht auf Wohnen, Naomi-Pia Witte (Freibeuter), Tom Hübner (Abteilungsleiter Soziale Wohnhilfen), Karsten Albrecht (CDU-Fraktion Leipzig) und Tim Elschner (Bündnis 90, die Grünen) Fraktionsvorsitzende, Schul- und Sozialpolitische Sprecherin (unter Vorbehalt), Pfarrer Christian Kreusel, Missionsdirektor der Diakonie Leipzig sowie leitende Mitarbeitende der Diakonie Leipzig. Die Moderation übernahm Herr Johannes Spenn (ehemals Referent für gesellschaftliche Integration bei der Diakonie Mitteldeutschland).

Nach einführenden Worten von Herrn Spenn ergriff Pfarrer Kreusel das Wort und nutzte die Gelegenheit, sich bei den Mitarbeitenden in der Pflege für ihr aufopferungsvolles Engagement zu bedanken. Er wies außerdem darauf hin, dass für die Pflege eine bessere finanzielle und personelle Ausstattung nötig sei. Um dies zu realisieren wäre eine Erhöhung der Pflegeversicherungsbeiträge nötig.

Präsident Lilie betonte, dass die Gesellschaft vor einer Transformation durch den demografischen Wandel stehe. Es gäbe weniger junge Menschen, die ihre Eltern pflegen wollten, immer weniger sei eine sorgende Familie vorhanden. Wir müssten uns fragen, wie wir mit den Alten in unserem Umfeld umgehen wollten. Wir bräuchten eine neue Nachbarschaftskultur und Kommunen, die die Pflege vor Ort wieder zu ihrer Aufgabe machen.

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Karsten Albrecht wies darauf hin, dass das Thema Pflege kein kommunales, sondern ein Bundesthema sei und dass die vorhandenen Gelder so verteilt werden müssten, dass die Balance in der Gesellschaft funktioniere. Dazu gehören eben auch Straßen, Schulen, Kitas, soziale Leistungen. Im Moment würden sehr viele Gelder für Hilfen zur Erziehung ausgegeben. Nicht immer sei es der fehlende politische Wille, sondern die Gelder müssten auf viele wichtige Posten verteilt werden.

Die Gesprächsteilnehmer waren sich einig, dass die Kommunen gestärkt werden müssen und auch Verantwortung übernehmen sollten. Tim Elschner wies darauf hin, dass auch bei der Entstehung neuer Stadtteile auf eine demografische Durchmischung geachtet werden müsse, damit neben jungen Leuten und Familien auch ältere Menschen dort leben könnten. Dabei müssten verschiedene Wohnformen wie Alten-WG, Mehrgenerationen-Häuser etc. angeboten werden. Er verwies auf einen aktuellen Antrag der Grünen, laut dem die Stadt einen Masterplan zur Deckung des Pflegebedarfs – auch in neu geplanten Stadtvierteln – erstellen und damit einen „Systemwechsel“ einleiten soll.

Leider war die vorhandene Zeit viel zu kurz, um tiefer in das Thema einzusteigen. Das zweite Thema „Herausforderungen beim Thema bezahlbarer Wohnraum“ wurde im zweiten Gesprächsteil diskutiert.

Matthias Müller-Findling, der Leiter des Ökumenischen Wohnprojektes Quelle, betonte, dass der verfügbare Wohnraum in den letzten 2-3 Jahren spürbar zurück gegangen ist. Es würde immer schwieriger werden, Menschen in bezahlbare Wohnungen zu bekommen. Das Konzept der sozialen Durchmischung hält er für eine Illusion, viele Menschen lebten lieber unter ihresgleichen. Hier solle man darauf achten, dass dies auch für die Ärmsten unter menschenwürdigen Bedingungen geschieht und dass die Lebensqualität erhalten bleibt.

Dem widersprach Siegfried Schlegel mit einem Votum für die durchmischte Stadt. Es gäbe in allen Stadtzentren preisgünstige Wohnungen und ein funktionierendes Zusammenleben verschiedener Bevölkerungsschichten. Naomi Pia Witte und Tom Hübner sprachen sich für eine Erhöhung der KDU-Sätze aus (Kosten der Unterkunft bei Arbeitslosengeld II). Außerdem, so die Teilnehmenden, müssten die Bauvorschriften vereinfacht und das Baurecht reformiert werden, da dies die Wohnungskosten in die Höhe treibe.

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Zum Ende der Veranstaltung konnten auch die Zuhörer sich zu Wort melden und ihre Fragen und Bemerkungen los werden. Allgemein wurde die gute Pflege im Haus und die persönliche Atmosphäre gelobt, aber auch auf die angespannte Personalsituation hingewiesen.

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Im Anschluss an das Podiumsgespräch wechselten die Gäste den Ort und gingen zur gegenüberliegenden Wohnungsloseneinrichtung Leipziger Oase, wo sie – gemeinsam mit den Besuchern der Oase – am Mittagessen teilnahmen. Dort entstanden viele Gesprächssituationen zwischen den unterschiedlichen Teilnehmenden. Diakonie-Präsident Lilie nahm sich Zeit, auch hier den Menschen zuzuhören. Nach der Besichtigung der Leipziger Oase und vielen Gesprächen auch mit den Mitarbeitern, ging die Veranstaltung gegen 15:00 Uhr zuende.

Text: Susanne Straßberger | Presse Diakonie Leipzig | Fotos: Thomas Roetting

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