„Ich würde denselben Weg wieder gehen“

30 Jahre Dienst am Menschen in der Alten Posthalterei in Panitzsch

Nordöstlich von Leipzig – im ländlich gelegenen Panitzsch – befindet sich der Wohnverbund Alte Posthalterei. Dieser entstand im Dezember 1995 als Pilotprojekt eines Sonderprogramms der Sächsischen Staatsregierung zur Enthospitalisierung von Menschen mit Behinderungen, die bis weit in die 90er Jahre hinein in psychiatrischen Einrichtungen unter teils unwürdigen Bedingungen untergebracht waren. Aus diesem Projekt entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte eine Einrichtung mit verschiedenen Wohnformen für Menschen mit Behinderungen. Diese werden hier bei der Gestaltung eines möglichst selbstbestimmten Lebens unterstützt. Im Fokus stehen dabei: individuelle Betreuung und Entwicklung, maximale Selbstbestimmung, die Trennung der Bereiche Wohnen und Arbeit, die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, die Möglichkeit zu Bildung und zu sinnvoller Freizeitgestaltung. Das dreißigjährige Jubiläum wird am 25. und 26. April 2026 mit den Bewohnerinnen und Bewohnern sowie langjährigen Weggefährten gefeiert. Es gibt eine Talentshow, eine bunte Party und einen Festgottesdienst. Die Mitarbeiterin Anett Paul ist von Anfang an dabei. Wir haben mit ihr über die vergangenen Jahre gesprochen und wie sie die Zeit bis heute erlebt hat.

Susanne Hofferbert: Erinnern Sie sich, wie die Arbeit vor 30 Jahren begonnen hat?

Anett Paul: Wir haben damals vielen Menschen dabei geholfen, die Psychiatrie zu verlassen und sich in einem neuen, gemeinschaftlichen Umfeld einzuleben. Einige der Klienten lebten dort unter ziemlich würdelosen Bedingungen, die keinen Raum für Individualität ließen. Gemeinsam mit dem damaligen Leiter Steffen Randolph sind wir persönlich vor Ort gewesen und haben die Menschen eingeladen, bei uns in der Wohnstätte ein würdevolles und besseres Leben zu beginnen.

S.H. Was hat sich in der Zeit entwickelt?

A.P.: Nach einer intensiven Eingewöhnungsphase stabilisierte sich der Alltag für alle Beteiligten, woraufhin wir die Bezugspersonenstruktur erfolgreich eingeführt haben. Diese dadurch entstandenen engen, echten Bindungen haben sich über Jahre hinweg als äußerst wertvoll und stabil bewährt. Später wurden die multiprofessionellen Gesprächsrunden etabliert – ein echtes Erfolgsmodell. Dass sich diese Runden bereits seit über lange Zeit bewährt haben, zeigt, wie wertvoll der Blickwinkel verschiedener Fachrichtungen (Pflege, Therapie, Mediziner, Sozialdienst etc.) für die individuelle Entwicklung der Bewohner ist. Der Wechsel von „Ich weiß, was du brauchst“ bis hin zu „Was brauchst du?“, ist die Basis für Augenhöhe und nachhaltige Veränderung. Ein wesentlicher Pfeiler unserer Arbeit ist die Tagesstruktur. Insbesondere für Menschen, die nicht in eine Werkstatt gehen, bieten wir vielfältige Bildungsangebote in den Bereichen Kunst, Musik, Kultur an, die eine sinnvolle Teilhabe ermöglichen.

S.H.: Hat sich das Klientel geändert – sind die Bewohnerinnen und Bewohner anders geworden – im Vergleich zur ersten Zeit?

A.P.: Ja. Zu Beginn war es sehr herausfordernd. Es gab auch viel Gewalt – Einrichtungsgegenstände und Geschirr wurden umhergeworfen, eine Klientin schluckte beispielsweise Schrankschlüssel und eine Schere. Außerdem seilte sich einmal eine Bewohnerin aus dem Fenster ab. Die Bewohnerinnen und Bewohner brachten häufig traumatische Erfahrungen aus ihrer Vergangenheit mit, insbesondere aufgrund der unwürdigen Bedingungen in der Psychiatrie. Entsprechend viel Zeit war nötig, bis sie zur Ruhe kommen und wieder Vertrauen aufbauen konnten.

S.H.: Gibt es noch Bewohnerinnen und Bewohner, die von Anfang an dabei sind – können Sie ein Beispiel erzählen?

Zum Beispiel Katrin.P. – sie kam 1996 aus Altscherbitz. Dort lebte sie in einem Saal mit 20 Betten – als einzige Frau unter Männern. Sie hatte als Frau mit 1,60 Größe ein kleines Kinderbett, aus dem die Beine heraushingen. Auch einen Rollstuhl besaß sie nicht. Noch im Jahr 1995 lebten die Menschen in Sälen, sie hatten ein Bett und einen Nachtschrank. Das war alles. Die Toiletten hatten keine Trennwände – Mann und Frau im gleichen Raum! Ursprünglich wurde Katrin als nicht förderfähig eingestuft und vernachlässigt. Seit ihrer Aufnahme in unsere Einrichtung erhält sie jedoch die notwendige therapeutische Unterstützung. Ihre Fortschritte sind beachtlich: Sie ist mittlerweile in der Lage, mit Unterstützung zu essen und nutzt ein Lauflerngerät zur Fortbewegung. Zudem ermöglichen ihr ein Rollstuhl Mobilität und ein Talker die verbale Kommunikation. Sie führt heute ein wesentlich selbstbestimmteres Leben in einem eigenen Zimmer.

S.H: Was wünschen Sie sich für die Zukunft für Ihre Einrichtung?

A.P.: Das Platzangebot für die Bewohnerinnen und Bewohner ist begrenzt. Geplante Projekte wie Terrassen oder ein Wintergarten lassen sich aufgrund der finanziellen Lage derzeit noch nicht umsetzen, obwohl sie den Alltag der Bewohner deutlich bereichern würden. Auch wenn uns momentan die finanziellen Mittel für die Umsetzung fehlen, halten wir an dieser Vision fest.

S.H. Was würden Sie Menschen mitgeben, die hier arbeiten möchten? Was braucht man, um diesen Beruf gut ausüben zu können?

A.P.: Einfühlungsvermögen, Geduld und psychische Belastbarkeit, aber auch Gelassenheit und die nötige Ruhe, um den Blick immer auf das zu richten, was der Bewohner kann – weg von einer defizitorientierten Sichtweise. Für mich war die Entscheidung, hier zu arbeiten, genau richtig. Ich würde denselben Weg jederzeit wieder so gehen.